Sonntag, 8. Juni 2014

Das blaue Wunder



Wenn ich als Kind erzählte, ich würde Sängerin! werden oder Schauspielerin! oder Bilder malen! oder Bücher schreiben!, bekam ich sofort zu hören: „Du wirst noch mal dein blaues Wunder erleben“. Es wurde drohend gesagt, und ich dachte, das blaue Wunder wäre so etwas wie die Faust aufs Auge, das danach blau ist: Das Leben verpasst es einem, wenn man nicht brav ist, unrealistische Träume hat oder sich in unpassender Gesellschaft bewegt (das ist jene, die unrealistische Träume begeistert unterstützt).

Gestern war ich am See. Dort ist am Ufer alles Stein und Sand, Sand und Stein. Eine graubraunsandblonde Welt. Das ist dort immer so, ich mag den See trotzdem. Gestern erlebte ich zwischen Stein und Sand dort mein blaues Wunder.

Ich setzte mich neben das blaue Wunder, sah auf das Wasser (blau), in den Himmel (blau) und freute mich, dass sich wieder einmal eine Kindheitsdrohung im fortgeschrittenen Erwachsenenalter in etwas Blühendes verwandelt hatte.

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