Mittwoch, 12. März 2014

Die Freude am Nicht-Winter


Ich sitze auf dem Balkon in der Sonne, es macht pling!, und auf dem Notebook erscheint eine Mail meiner Schwägerin aus Michigan. "We are at the airport ready to leave for California before the next snow." Das Dach ihres Hauses trägt seit Oktober eine dicke Eisschicht, ein großer Eisbrocken hat sich vor ein paar Tagen gelöst und fast den Postboten erschlagen, sie holten den Dachdecker, der das Dach notdürftig befreit hat, aber dann stellte sich heraus, dass die Dachabdeckung nachgegeben hat, und jetzt tropft es ins obere Stockwerk.

In Freiburg sind alle Straßen-Cafés voll, in meinem Vorort blühen die Mandelbäume und Forsythien. Aber schon höre ich die ersten dumpfen Unkenrufe. "Weil der Winter so mild war, wird der Sommer sicher verregnet sein", munkeln sie dunkel. "Und der nächste Winter wird bestimmt besonders hart."

Es ist das Wesen von Unken, über die Zukunft zu grübeln und den gegenwärtigen Augenblick nicht wahrzunehmen. Deshalb verstehen sie auch nicht, dass ihr Grübeln immer im Jetzt stattfindet, weil es keine andere Zeit gibt als das Jetzt. Sie verpassen, wie Thich Nhât Hanh sagt, ihre Verabredung mit dem Leben.

An der Schwelle zwischen Winter und Frühling, bevor uns auch dieser Frühling so selbstverständlich geworden ist, dass wir ihn nicht mehr schätzen, empfehle ich die von mir soeben entwickelte Zen-Übung "Freude am Nicht-Winter". Wie oft habe ich Schnee geschaufelt? Kein Mal. Wie oft die im November gekauften Schneestiefel getragen? Kein Mal. Wie oft die Windschutzscheibe freigekratzt? Zwei Mal. Welche Überraschung brachte die Heizkostenabrechnung? Ich bekam eine Rückerstattung von 56 Cent.

Hoch oben im Blau fliegt ein kleines Flugzeug, der nach Grün hungrige Kater knabbert am zarten frischen Grün der Hortensien (nein, das darf er nicht!), ich esse Eis (Himbeer-Sorbet vom Ruhbauernhof in Kirchzarten) und lese den letzten Satz der Mail meiner Schwägerin, getippt auf dem IPhone kurz vor dem Start: "There are rumors that winter may end but I doubt there are many believers."
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