Donnerstag, 28. November 2013

Sie stirbt


"Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag. Ab und an kam ein Arzt, ab und an eine Schwester. Sie kamen ruhig hinein und gingen leise hinaus. Es gab nichts mehr zu tun, es gab nichts mehr zu sagen. Draußen der strahlende Frühlingstag, der Jubel der Vögel. Im Klinikgarten sah ich Menschen miteinander in der Sonne sitzen. Sie planten ihren Sommer, sie besprachen ihre kleinen Dinge, die so wichtig erscheinen, solange das Leben fraglos ist.

Meine Mutter würde nie wieder ein Schuhgeschäft betreten, um ein Paar Pumps auszuwählen, silberne vielleicht, weil ihr silberne noch fehlen. Sie würde nicht mehr umziehen, keine neue Stadt mehr kennenlernen, keine Bekanntschaften schließen. Sie würde keinen Mann mehr lieben, kein Kind bekommen und kein ungarisches Gulasch mit winzigen Gurken mehr kochen, das sie mit viel zu viel Chili abschmeckte, was ihr nie wieder passieren würde. Sie würde keine neue Brille mehr brauchen, keine weitere Garnitur Unterwäsche, keine neuen Bettbezüge, keine Tassen und Teller. Nie wieder würde sie ihre Wohnungstür aufschließen, ihren Mantel an die Garderobe hängen, aus den Schuhen schlüpfen und in der Küche Wasser für den Kaffee aufsetzen. Ihr grünsamtenes Sofa und den Schrank mit Nussbaumfurnier würde sie nie wiedersehen, nie wieder aus den vom kargen Erbe der Patentante nach dem Krieg gekauften hauchdünnen Gläsern mit Goldkugeln im Fuß trinken. Nie wieder würde sie sich in das nach dem Tod ihres Mannes, der nicht mein Vater war, viel zu große Doppelbett legen.

Ich sah ihr beim Atmen zu und dachte: Warum eigentlich soll sie das alles immer wieder tun, nur weil dies Leben genannt wird, und Leben gilt als wünschenswert. Während doch jetzt etwas Neues auf sie wartet, das nicht schlecht sein muss, nur weil es Tod heißt. Spricht nicht das Christentum vom Paradies, und hofft nicht jeder Buddhist, im Reinen Land wiedergteboren zu werden?

Ich wünschte mir in jenem Moment dringend, meine Mutter möge, auf welchen Wegen auch immer, ins Reine Land reisen."

(Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30732-4)

Eine schöne Besprechung dieses Buches von Munish B. Schiekel können Sie hier lesen.

Freitag, 22. November 2013

Eckhart Tolle: "Jetzt!"


Ein wunderbares Buch, das wahrscheinlich schon jeder kennt, der meinen Blog liest - ich stelle es trotzdem vor. Eckhart Tolle gehört keiner "Schule" an, keiner Religion, keiner wie immer gearteteten spirituellen Richtung. Dennoch hat er, wie er sagt, von etlichen Zen-Meistern gelernt: "alle waren Katzen". Wenn das kein verwandter Geist ist!

Besonders gefällt mir sein Ansatz, unseren gesammelten Schmerz als "Schmerzkörper" zu bezeichnen, als "unsichtbares Wesen mit seiner eigenen Persönlichkeit", als "psychischen Schmarotzer". Wer einmal überraschend mit der Wut eines anderen (oder der eigenen ...) konfrontiert wurde, wird bestätigen: "Alles kann ihn aktivieren, besonders dann, wenn er mit einem Schmerzmuster aus deiner Vergangenheit in Resonanz geht. Er kann sich als Verärgerung ausdrücken, als Ungeduld, finstere Stimmung, als Wunsch zu verletzen, als Wut, Depression, als Bedürfnis nach Drama in deiner Beziehung und so weiter. Greife ihn dir in dem Moment, wo er aus seinem Ruhezustand erwacht."

Dasselbe sagt das Zen: Sei auf der Hut. Beobachte genau, was in dir vorgeht, und bemerke jedes Gefühl, jeden Gedanken bereits im Entstehen, um bewusst zu bleiben und Gefühl und Gedanken nicht blind zu folgen. Haben Gefühl und Gedanke erst ein Eigenleben gewonnen, bist du ganz in ihrer Hand und verlierst jede Kontrolle.

Nachdem so viel von Schmerz die Rede war, hier noch ein "schönes" Zitat: "Sage ja zum Leben - und schau, wie das Leben plötzlich beginnt, für dich zu arbeiten anstatt gegen dich."

Eckhart Tolle "Jetzt!", aus dem Amerikanischen von Christina Bolam und Marianne Savita Nentwig, Kamphausen Verlag

Montag, 18. November 2013

Der philosophische Kater über: Interesse


"Was macht sie da? Schreibt sie was? Was schreibt sie denn? Schreibt sie über mich? Oh, der Bleistift ist hübsch. Der rollt so schön übern Schreibtisch.

Menschen glauben immer, wir Katzen seien neugierig. Nein, nein. Wir sind interessiert! Warum sollten wir neugierig sein? Ist nicht alles immer wieder anders, also neu? Ich spiele immer mit demselben Faden, klappere immer wieder mit dem Schlüsselbund, der so einladend an der Tür baumelt, und immer wieder schimpft sie deswegen mit mir. Aber jedes Mal ist ein neues Mal. Die Menschen grübeln dauernd über Vergangenes nach und leben so selten in der Gegenwart. Und wenn sie mal auftauchen aus ihren Grübeleien, sind sie gierig nach Neuem, anstatt einfach das anzuschauen, was schon immer da war. Der Faden. Der Schlüsselbund. Ihre Finger, die über die Tasten hüpfen. Oh, jetzt ist der Bleistift vom Schreibtisch gefallen!

Ich finde das Leben wahnsinnig interessant."

Dienstag, 12. November 2013

Thich Nhat Hanh at Oprah Winfrey's


My teacher Thich Nhat Hanh as a guest of Oprah Winfrey. Thay, as he is called by his students, seems to enjoy the event, and of course he is calm and mindful as ever. He talks about his meetings with Martin Luther King who supported him in his efforts to stop the war in Vietnam. And he talks about deep listening, suffering, correcting wrong perceptions, and living in the here and now.

"When you are angry you are not lucid", he says. And: "In the ash of suffering a phoenix is born."

View the video and meet this extraordinary monk.

Samstag, 9. November 2013

Das Wort zum Samstag


Dein heilender Einfluss ist nicht von deinem Tun abhängig, sondern von deinem Sein. Wer dir begegnet, wird von deiner Gegenwärtigkeit und von dem Frieden berührt, den du ausstrahlst, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Wenn du völlig gegenwärtig bist, hast du nicht mehr das Bedürfnis, auf das unbewusste Verhalten anderer zu reagieren, du verleihst ihm keine Realität mehr. Daran zerbricht der Kreislauf von Aktion und Reaktion. Tiere, Bäume und Blumen werden deinen Frieden spüren und ihn erwidern. 

Du lehrst durch dein Sein. Du wirst zum "Licht der Welt". Du befreist die Welt von Unbewusstheit.

Wer du bist, ist die wesentliche Lehre. Durch dein Sein verwandelst du die Welt mehr als durch dein Reden und durch dein Tun.

Eckhart Tolle

Dienstag, 5. November 2013

Die erste Lehrrede von Zen-Meister Robin

 

Hier bin ich also. Es ist ein bisschen laut. Und kalt. Nur vier warme Hände sind da. Wie hell es ist. Vorher war es außen dunkel und innen hell. Jetzt wird es allmählich innen dunkel.

Noch weiß ich es: Ich  leuchte. Doch, ich bin ganz licht und rund und vollständig. Noch weiß ich, auch wenn es in ziemlicher Geschwindigkeit verblasst: Es gibt nichts, was mir fehlt. Sie beide hier sehen es auch, jetzt, wo ich zu ihnen gekommen bin. Sie erinnern sich: Das wussten sie doch auch einmal, damals, als es für sie plötzlich außen so hell und laut wurde.

Es wird dunkler, es verblasst. Wir werden es vergessen, erst ich, dann sie. Wir werden mein Leuchten und meine Vollständigkeit vergessen, wie sie ihr Leuchten und ihre Vollständigkeit vergessen haben. Denn das Vergessen gehört dazu, ohne Vergessen kein Erinnern.


Ab und an, absichtslos und unerwartet, wird es wieder da sein. Ich werde diese beiden so freundlichen Menschen auf die Probe stellen: Werden sie mein Leuchten entdecken, unter all dem Frechen, Eigenwilligen, das ich mir zulegen muss, weil das zum Großwerden gehört?

Ich bin zu ihnen gekommen, damit sie begreifen: Der leuchtende Kern geht nie verloren. Er ist, was ich bin. Er ist, was alle Menschen sind. Die Wahrheit unter all den Verwirrungen und Lügen. Wenn sie sich daran erinnern, sobald sie mich anschauen, werde ich unter ihrem Blick mich auch erinnern. Das Geheimnis ist: Alles Wesentliche ist schon da, es braucht nur wiederentdeckt zu werden. Und jetzt wird es, für ein paar turbulente Jahre, erst einmal dunkel in mir.

Guten Morgen, Welt.

Samstag, 2. November 2013

Die Noch-nicht-Rose


Noch einmal hat mein Rosenstrauch eine Knospe ausgetrieben. Eine pralle, fest gefüllte, aufbruchsbereite Kapsel. Drinnen die komplett ausgebildete Möglichkeit einer Rosenblüte. Es brauchte gar nicht viel, um die Blüte zum Blühen zu bringen: Ein wenig Licht, ein wenig Wärme, Schneelosigkeit, Nachtfrostabwesenheit.

Wird sie es schaffen, die Knospe, zur letzten Rose des Jahres zu werden?

Ich habe noch ein paar Knospen in mir, zum Platzen gefüllt mit komplett ausgeformten Möglichkeiten. Es brauchte gar nicht viel, um die Knospen zum Blühen zu bringen ...