Dienstag, 29. Oktober 2013

Cloud Gate Dance Theatre of Taiwan: "Songs of the Wanderers"


Am rechten Bühnenrand steht ein Mönch und meditiert. Er wird dort eineinhalb Stunden bewegungslos stehenbleiben, während langsam goldener Reis auf ihn hernieder rieselt. Reis auch auf dem Bühnenboden. Männer und Frauen waten durch die Körner, gestützt auf riesige knotige Äste, an deren Enden Glöckchen hängen. Der Reis wird zum Fluss, der Fluss wird zur Zeit, ständig sich verändernd und doch immer gleich. Einmal geht ein tropischer Regenschauer aus Reis hernieder, es prasselt, die Tropfen springen, die Menschen tanzen im Regen. Um die Füße des Mönchs sammelt sich langsam der Reis wie in einer Sanduhr. Die Zeit rieselt weiter, doch der Mönch ist jenseits von ihr. Er verweilt am Ort des Nicht-Denkens und Nicht-Reagierens.

Entfesselte Bravorufe, stehende Ovationen. Auf der Bühne verbeugt sich der taiwanesische Choreograf Lin Hwai-Min, ein kleiner, ganz großer Künstler.


Er war auf den Spuren des Buddha nach Bodhgaya gereist und saß, wie einst Prinz Siddhartha, bevor er der Buddha wurde, unter einem Bodhi-Baum. "I opened my eyes and sunlight, emanating from somewhere near the top of the stupa and filtering through the branches, fell directly onto my forehead. My heart filled with joy and I felt a quietude that I had never experienced." Zurück in Taipeh, meditierte er täglich mit den Mitgliedern seiner Tanzkompanie und schuf das Stück "Songs of the Wanderers", "ein Stück darüber, wie man Askese praktiziert, über die Sanftheit des Flusses und die Suche nach Frieden".

Ich durfte Lin Hwai-Min und seine wunderbare Kompanie erleben, im Europäischen Zentrum der Künste in Hellerau bei Dresden. Eines meiner großen Theater-Erlebnisse.

Die DVD der Produktion gibt es zum Beispiel bei amazon.

Mittwoch, 23. Oktober 2013

Es gibt keinen Weg


"Es gibt keinen Weg, sagt der Zen-Meister. Hör auf, in den Kategorien von Aufbruch und Ankunft zu denken. Vergiss das Ziel, es gibt nichts zu erreichen. Es gibt nur den Schritt, den du gerade tust. Diesen. Und diesen. Hier und Jetzt ist die einzige Wirklichkeit, denn es gibt weder Vergangenheit noch Zukunft. Unser Erinnern geschieht in diesem Augenblick, unser Hoffen und Wünschen geschieht in diesem Augenblick. Wenn du deine Kraft nicht mit sinnlosen Grübeleien vergeudest, bist du die Meisterin deines Lebens.

Dein Leben geschieht JETZT."

Aus: Margrit Irgang "Leuchtende Stille", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-30732-4

Freitag, 11. Oktober 2013

Einladung zum "Jahrmarkt der Wunder"

Zu der musikalisch-literarischen Soirée "Jahrmarkt der Wunder" mit Gedichten der polnischen Lyrikerin und Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska laden ein: das "ensemble contrair" (Susanne Eyhorn, Flöte, und Hans-Peter Willer, Klarinette):


und die Schauspielerin Dorothea Gädeke:


18. Oktober 2013 , 20 Uhr, im Gasthof Warteck in Niederweiler
19. Oktober 2013, 17 Uhr, im Stubenhaus in Staufen im Breisgau
20. Oktober 2013, 15 Uhr, im Waldhof Freiburg

Ich freue mich darauf.

Montag, 7. Oktober 2013

Was ist Stille?


Als ich Stipendiatin in der Villa Massimo in Rom war, kam das Ensemble Modern zu einem Konzert in die Villa. Unter anderem war ein Stück von John Cage mit dem Titel 4'33" angekündigt. Der Pianist setzte sich an den Flügel und legte die Hände auf die Oberschenkel, vom Scheitel bis zur Schuhspitze Konzentration. Im Saal wurde es allmählich still, das Rascheln der Programmhefte versiegte, ein letzter Huster war zu hören. Wir warteten. Der Pianist saß am Flügel.

Wir warteten.

Der Pianist saß am Flügel.

Erste Unruhe entstand. Ein paar Füße scharrten. Die Programmhefte knisterten wieder. Jemand flüsterte. Der Pianist saß am Flügel, voll und ganz konzentriert. Er saß vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden lang. Dann stand er auf, verbeugte sich vor dem verblüfften Publikum und ging ab.

John Cage, der sich intensiv mit Zen befasst hat, begab sich einst in ein schalltotes Studio, um herauszufinden, was Stille ist. Dort machte er die Erfahrung, dass es Stille im Sinn der Abwesenheit von Geräuschen nicht gibt: In dem schalltoten Raum war John Cage mit den Klängen konfrontiert, die sein eigener Körper unaufhörlich produzierte. Er hörte seinen Magen kollern, sein Blut in den Ohren rauschen. John Cage kam zu dem Schluss: "Stille sind all jene Klänge, die wir nicht beabsichtigen."

Um seinen Zuhörern das Erlebnis der Stille zugänglich zu machen, komponierte er das Stück 4'33'', in dem der Pianist keinen einzigen Ton spielt. Die Zuhörer aber hören nicht nichts, sondern ziemlich viel. Sie hören ihr Herz schlagen, das Blut kreisen, den Darm kullern. Was also hören die Zuhörer, wenn sie diesem Stück lauschen? Geräusche? Klänge? Sich selbst? Nein, sagt John Cage: Sie hören die Stille, denn "Stille ist der Zustand der Absichtslosigkeit".

Stille ist nicht die Abwesenheit von Geräusch, sondern die Abwesenheit einer persönlichen Absicht. Stille ist deshalb nicht dasselbe wie Pause, denn in der Pause warte ich auf eine Fortsetzung des soeben Gehörten. Stille ist für John Cage ein geistiger Zustand: der Zustand des Nicht-Wissens, des Nicht-Verlangens, des Verweilens im Augenblick. In dem Moment, in dem unser Geist nicht mit Planen, Hoffen, Wünschen und Ängstigen befasst ist, ist Stille anwesend - unabhängig von jedem äußeren Geräusch.

(Mein Seminar zum Thema Stille im Waldhof Freiburg Ende Oktober ist ausgebucht; wir haben eine Warteliste. Ich weise deshalb jetzt schon auf mein Seminar im Kloster Heiligkreuztal vom 15. - 17. November hin. Hier gibt es mehr Informationen.