Montag, 30. September 2013

Sei dir selbst eine Lampe!


"Als Buddha Shakyamuni starb, baten seine Mönche ihn um ein letztes Wort, um einen Hinweis, wo sie nach seinem Tod die Lehre finden könnten. Buddha Shakyamuni soll geantwortet haben: 'Seid euch selbst eine Lampe.'

Ein Künstler des Lebens also zündet sein Lämpchen an, schultert sein (inzwischen sehr leichtes) Bündel und wandert durch seine Tage, unbekümmert um das Wetter oder die Meinung anderer Menschen über ihn. Sein Licht mag bescheiden sein, vielleicht ist es nur der Schein einer funzeligen Taschenlampe. Na und, sagt der Künstler des Lebens, man muss dankbar sein für alles, was man hat. Immerhin reicht der Schein noch aus zu sehen, wohin ich meine Füße setze. So ein Boden kann nämlich tückisch sein, voller Wurzelwerk, unter Laub verborgen; voller unvermuteter Risse im scheinbar festen Asphalt. Und jenseits des Lämpchenscheins kann es sehr dunkel sein, jeder von uns weiß das: sehr, sehr dunkel. Deshalb haben wir volles Verständnis dafür, dass Goethe auf seinem Sterbebett 'mehr Licht' verlangte. Wir sind vielleicht nicht fähig, den 'Faust' zu schreiben, aber wir praktizieren Zen und wissen: Wir können lange darauf warten, dass die Welt oder ein anderer Mensch uns leuchtet. Das einzig verlässliche Licht ist in uns selbst.

Deshalb ist ein Künstler des Lebens ein freier Mensch."

Aus: Margrit Irgang "Wunderbare Unvollkommenheit", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-06281-0, € 9,95

Samstag, 21. September 2013

Sue Hubbell, die Bienen und die Traurigkeit

 

Sue Hubbell ist dreiundvierzig, als ihre Ehe zerbricht. Erst kurz zuvor ist das Akademikerpaar aufs Land gezogen; jetzt bleibt sie zurück auf ihrer Farm in Missouri, allein mit einem Hund, einem Kater und dreihundert Bienenstöcken.  "Ich habe gelernt, dass ein Baum Platz zum Wachsen braucht, dass im Januar unten am Bach Kojoten singen, dass ich nur dann einen Nagel in eine Eiche schlagen darf, wenn sie belaubt ist, dass Bienen mehr vom Honigmachen verstehen als ich, dass Liebe zu Traurigkeit werden kann und dass es mehr Fragen als Antworten gibt."

Drei Jahre braucht sie, um die Trennung zu überwinden. Es gelingt ihr erst, als sie bereit ist, mit wachen Sinnen wahrzunehmen, was sie umgibt: Der einbeinige Sumpffrosch in der Scheune, dem sie eigenhändig Fliegen fängt; die braungoldene Spinne, die sich in der Ecke über dem Ofen häutet. Ihren Lebensunterhalt verdient Sue Hubbell mit dem Verkauf von Honig. Im Herbst deckt sie die Scheune neu, fällt Bäume, und im Winter liegt sie zu den Klängen von Albinonis C-Dur-Konzert unter dem schrottreifen Chevy-Pickup und schmiert die Kolben.

Sue Hubbell hat ein wunderbares, stilles und völlig unspektakuläres Buch geschrieben darüber, wie man die Traurigkeit heilt, indem man sich in den großen Kreislauf der Natur einfügt. Leider ist das Buch vergriffen, aber man bekommt es im Internet noch bei diversen Antiquariaten. Erschienen ist "Ein Jahr in den Ozark Mountains" im Verlag SchirmerGraf, den es auch nicht mehr gibt.

Mittwoch, 18. September 2013

Noch ein Wort zum Mittwoch


"In den Fotografie-Workshops, die ich leite, bitte ich die Teilnehmer, ohne Erwartungen hinauszugehen. Wenn wir mit einer Vorstellung ans Fotografieren gehen, schließen wir die Türen der Möglichkeiten. Wenn wir ein bestimmtes Ergebnis erwarten, können nur zwei Dinge geschehen: Entweder finden wir, was wir suchen, oder wir finden es nicht. In jedem Fall sind wir blind für alle anderen Möglichkeiten, weil wir auf unsere Erwartung fixiert sind.

Erwarte nichts, weder im Leben noch in der Kunst. Freue dich über das Geheimnis. Alle guten Dinge sind in dunklen Ecken verborgen. Das gibt dem Leben das Gefühl der Lebendigkeit."

Der Zenmeister John Daido Loori über die Kunst und das Leben
(aus: "Das Zen der Kreativität", Theseus Verlag)

Montag, 16. September 2013

Meine "Ermutigung zum Eigensinn" jetzt in der 2. Auflage


Was ist der Sinn meines Lebens? Wie kann ich ihn finden? Das Althochdeutsche sinnen beruht auf der indogermanischen Wurzel von "gehen, reisen, fahren", was wiederum bedeutet "eine Richtung nehmen, eine Fährte suchen" (Duden Herkunftswörterbuch). Wie wunderbar klar doch die deutsche Sprache ist! Sie sagt unmissverständlich: Den Sinn des Lebens kann dir niemand geben, du musst ihn selbst erwandern, selbst "erfahren".

Deshalb sind die Wanderer auf dem eigenen Weg "Eigensinnige": Sie geben sich mit Antworten, die für andere gut funktionieren, nicht zufrieden, und sehen oft Probleme, wo andere Menschen sich wohlfühlen, Eigensinnige sind weder in der Wirtschaft noch in der Politik und schon gar nicht in Religionen gern gesehen. Wanderer auf dem eigenen Weg setzen sich nicht geistig in Überzeugungen zur Ruhe. Sie wissen: Beim Gehen verändert sich jede Landschaft. Sie wandern mit offenen Sinnen und wollen selbst sehen, hören und riechen.

Für all diese geduldigen, mutigen und oft einsamen Wanderer durchs Leben habe ich diesen kleinen Reiseführer geschrieben: über symbolische Abgründe und Gipfelbesteigungen, die Öde der Alltagswüste, das gelegentliche Sichverirren im Labyrinth - und die Frage, wie man da wieder herausfindet.

Margrit Irgang "Geh, wo kein Pfad ist, und hinterlasse eine Spur. Ermutigung zum Eigensinn", ISBN 978-3-451-06111-0, Herder Verlag, 8,95 €

Mittwoch, 11. September 2013

Die Geschichte von der Teeschale


Der Abt eines japanischen Zen-Klosters fand seine Frau eines Tages weinend in der Teeküche vor. "Warum weinst du?" fragte er sie. "Ich weine, weil alle Dinge so vergänglich sind", schluchzte sie.

Der Abt runzelte die Stirn. "Du musst härter werden", sagte er belehrend. "An die Vergänglichkeit müssen wir uns alle gewöhnen."

"Ich bin froh, dass du es so siehst", sagte die Frau und zog aus ihrem Kimonoärmel ein paar Scherben. "Deine Lieblings-Teeschale ist nämlich soeben in die Vergänglichkeit eingegangen."

Aus: Margrit Irgang "Dieser Augenblick. Achtsam leben im Geist des Zen",  Herder Verlag, ISBN 978-3-451-06385-5

(Meine Teeschale ist eine Winter-Teeschale des wunderbaren Keramikers Aisaku Suzuki aus Breisach. Hier geht es zu seinem Atelier.)

Sonntag, 8. September 2013

Kat-Zen

"Dauernd lesen die Menschen Bücher über Zen. Sie hier schreibt sogar Bücher über Zen. Was die Menschen für ein Geschrei machen um so eine einfache Sache!

Man braucht ein Kissen und lässt sich ganz entspannt darauf nieder, die Augen halb geschlossen. Man atmet gleichmäßig, das Fell am Unterbauch hebt und senkt sich dabei und streichelt zart die Eingeweide. Dann kommt von ganz allein ein feines Schnurren aus der Kehle, das sich sehr hübsch und angenehm anhört. Und obwohl man bei der Übung aussieht, als schlafe man, ist man doch hoch aufmerksam und präsent. Jederzeit bereit, eine Maus zu fangen.

Ist doch ganz einfach, oder?" 


Mittwoch, 4. September 2013

Das Wort zum Mittwoch


"Ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm als ein Wald, der wächst."
Tibetisches Sprichwort