Samstag, 31. August 2013

"Die einfachen und die guten Dinge"


Soeben erschienen: das Themenheft der "einfach leben"-Reihe "Die einfachen und die guten Dinge". Darin finden sich so unterschiedliche Autoren und Gesprächspartnerinnen wie u. a. eine Köchin (Sarah Wiener), ein Psychotherapeut (Wolfgang Schmidbauer), ein ehemaliger Senator und Bürgermeister (Henning Scherf), ein Design-Professor (Axel Kufus), ein evangelischer Theologe (Friedrich Schorlemmer), ein katholischer Mönch (Anselm Grün). Das ist doch mal echte Vielfalt.

Eine Schriftstellerin ist auch dabei. Mein Beitrag trägt den Titel "Eine Tasse Tee". Ich umkreise darin den Gedanken: "Alles, was wirklich gut werden soll, braucht ja unsere liebevolle Zuwendung und Achtsamkeit - ein Manuskript, eine Freundschaft und eben eine Tasse Tee."

"Die einfachen und die guten Dinge", Herder Verlag, ISBN 978-3-451-00550-3, € 7,90

Donnerstag, 29. August 2013

Tim Parks erlernt die Kunst, stillzusitzen

Tim Parks, erfolgreicher Autor und Hochschullehrer, leidet unter unerklärlichen Schmerzen im Unterbauch. Prostatabeschwerden, sagt ein Urologe und empfiehlt die sofortige Operation. Parks ist bereit, seinen ungehorsamen Körper den Experten zu überlassen in der Hoffnung, diese würden ihn rasch wieder in funktionsfähigen Zustand versetzen. Weitere Untersuchungen ergeben allerdings, dass Parks völlig gesund ist. Auf einer Indienreise sucht er einen ayurvedischen Arzt auf, der ihm empfiehlt, erst einmal das „Gerangel“ in seinem Kopf zu lösen. Parks ist durch und durch Skeptiker und hat für alles, was nach Esoterik riecht, nur Verachtung übrig. Dennoch sitzt er ein paar Monate später mit schmerzhaft verknoteten Beinen auf einem Meditationskissen, um mit Hilfe der Vipassana-Methode seinen Körper kennenzulernen und seinen Geist zu beruhigen.

Tim Parks landete – wie der italienische Journalist Terzano Terzani vor ihm - bei dem Vipassana-Lehrer John Coleman, einem ehemaligen CIA-Agenten, der so pragmatisch und skurril war, dass sich Männer wie Terzani und Parks auf die von ihm angebotene Methode einzulassen wagten. Sie funktionierte bei beiden. Während Tim Parks noch zäh an seinen Widerständen gegen den Meditations-Humbug festhält, beruhigt sich sein Bauch, und das Gerangel in seinem Kopf weicht einer nie gekannten Stille.

Allmählich zerbröselt der Widerstand von Tim Parks; sein Selbstbild wird im Verlauf der Schulung völlig auseinandergenommen. Er erkennt seine Eitelkeiten, die Egozentrik, die Gier nach Ruhm, aber auch seine nie wahrgenommene Herzensweite, die er früher vermutlich als Schwäche bezeichnet hätte. Das ist mit großer Ehrlichkeit und herrlichem Humor beschrieben. Ich empfehle das Buch gerne allen, die immer noch meinen, Meditation sei Gehirnwäsche und der Lehrer ein Guru, der einem das kritische Denken verbietet. (Nun ja, wir haben alle unsere Lieblings-Ausreden, wenn uns was Neues über den Weg läuft, von dem wir ahnen, dass es unser Leben umkrempeln würde, falls wir uns darauf einlassen ...)

Sonntag, 25. August 2013

Der Birnenrhythmus


Weil mein Leben seinen Rhythmus verloren hatte, Termine winkten, Redakteure drängten, weil also mein Leben sich nicht mehr wie Leben anfühlte, bin ich dorthin gefahren, wo Segelboote lautlos vorübergleiten, Burgen und Schlösser "stolz und kühn" an Berghängen kleben und die Ähren auf den Feldern in der Mittagshitze knistern.

Eine Woche lang großer, runder, herrlicher Sommer.

Jetzt weiß ich wieder, dass die Birnen von alleine reifen und wissen, wann es an der Zeit ist, vom Baum zu fallen. Deshalb hüten sich die Bauern, die Birnbäume zu schütteln; sie würden nur unreife Birnen ernten.

So will ich jetzt wieder arbeiten: im Birnenrhythmus.

Donnerstag, 15. August 2013

Auf dem Weg zum Postamt, an einem Sommermorgen ...

 

... ein Päckchen und einen Brief unterm Arm. Der Weg führt am Bach entlang (ich lebe privilegiert!). Das Wasser schickt frische Kühle herauf, Geißblatt duftet, eine Entenfamilie treibt vorbei. Und dann sehe ich sie: die Libellen. Riesige neongrüne und petrolfarbene. Flügelgeflirre. Leuchtender Tanz. Die Sonnenreflexe auf dem Wasser, die heiße Luft, der tiefblaue Himmel.

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino sagt: "In den Dingen ist Magie. In den Dichtern ist Magie-Erwartung."

Genau so ist es. Aber Sie müssen keine Dichterin, kein Dichter sein, um die Magie in der Welt zu bemerken. Vielleicht ist es ja gerade umgekehrt: In dem Moment, in dem Sie den Tanz der Welt, der uns immer umgibt, wahrnehmen, sind Sie zum Dichter geworden.

Sie dürfen jederzeit erwarten, dass eine Libelle angeflogen kommt. Auch auf dem Weg zum Postamt an einem gewöhnlichen Donnerstag.


Und wenn die nette Nachbarin zu den Libellen geht, wird das Foto noch besser! (Copyright: Anne-Mareike Hanf)

Mittwoch, 7. August 2013

"Mit dem Bösen leben" von Stephen Batchelor


Was ist das "Böse"? Ist es Teil unserer "Erbsünde"? Oder einfach nur das "unerlöste Gute", wie manche Esoteriker behaupten? Sehr populär ist auch die Anschauung vom "Widersacher", der uns in Versuchung führt, um uns in seine Gewalt zu bringen.

Nicht nur das Christentum hat das Böse in Gestalt des Satan vom Guten in Gestalt von Christus abgespalten, dasselbe Gegensatzpaar finden wir mit Mara und Buddha im Buddhismus. Wie also nähern wir uns dem Bösen? Der englische Dharma-Lehrer Stephen Batchelor ist bekannt für seine unorthodoxe Anschauung des Buddhismus (was ihm bei den knochenharten Traditionalisten viel Ärger einbringt). Ich möchte hier nur einen Kerngedanken aus diesem ausgezeichneten Buch vorstellen: "Jedes Mal, wenn etwas Bedingtes und Vergängliches in den Status von etwas Notwendigem und Bleibendem erhoben wird, wird ein Teufel geschaffen." 

Mich erinnert das an den Vorwand der "Alternativlosigkeit", mit dem uns von Politikern in letzter Zeit unzumutbare Entscheidungen präsentiert werden. Damit wird uns suggeriert, es gäbe nur eine mögliche Anschauung der Situation (nämlich die der Entscheidungsträger); die Situation selbst erscheint in diesem Denken unveränderlich und wird deshalb nicht diskutiert. Der Buddha hingegen lehrte, dass alles bedingt ist, nämlich abhängig von der Existenz von etwas anderem. Batchelor nun sagt, Mara oder das Böse entstehe  immer dort, wo diese fließende, sich ständig verändernde Qualität des Lebens ignoriert und zu einem Konzept, einem Gesetz, einer Religion oder einer ewigen Wahrheit verengt wird. Mara vergiftet somit den orthodoxen Buddhismus ebenso wie der Teufel eine in Dogmen erstarrte Kirche.

In uns selbst äußert sich Mara, sobald wir an ein vom Ganzen abgetrenntes Ich zu glauben beginnen mit all den Folgen, die wir so gut kennen: unseren Ängsten, Zwängen und Konditionierungen und unserer Mitleidlosigkeit mit uns selbst und anderen. Letztendlich - und darauf kommt es Batchelor an - ist es Mara, der mit seiner Verführung zum Festhalten am Sicheren und Gewohnten unser Erwachen unmöglich macht.

Stephen Batchelor "Mit dem Bösen leben", aus dem Englischen von Renate Seifarth, ISBN 978-3-942085-19-9. Das Buch ist erschienen in der edition steinrich

(Um es noch einmal zu sagen: Ich bekomme von niemandem eine Provision für meine ganz persönlichen freiwilligen Buch-Empfehlungen.)

Sonntag, 4. August 2013

Der philosophische Kater: "Ach, diese duftenden Nächte ...


... ist das Jasmin? Und unten im Garten die Kätzinnen in ihren hübschen gestreiften Sommerfellen mit den adretten weißen Kragen. Soll ich vom Dach springen? Von der Sehnsucht in die Erfüllung?  Als philosophischer Kater lese ich manchmal im Etymologischen Wörterbuch. Das Wort sehnen kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet sich härmen, und sensuht ist das schmerzliche Verlangen. Härme ich mich, leide ich Schmerz?

Der Buddha war ein kluger Mann. Hätte er Haare gehabt, würde ich ihn respektvoll Großer Kater nennen. Dieser kluge Mann lehrte, dass die Menschen sich ihr Leiden selbst erschaffen und dieses Leiden auch selbst beenden können.

Sehr gut. Absolut richtig. Katzen und Menschen sollten aufhören mit der unvernünftigen Sehnsucht. Seien wir glücklich mit dem, was wir haben. Nichts spricht gegen ein Leben auf dem Dach. Über den Dingen stehen, gleich unter dem Himmel.

Aber (sagt sie hinter mir, die viel liest und heute nicht schlafen kann): die lange deutsche Sehnsuchtstradition. Die Romantik! Schlegel, Tieck, Novalis! Alle verhärmt, alle leidend, aber wie lustvoll und produktiv. So schöne Bücher! Wenn sie solche Bücher hervorbringt, kann die Sehnsucht doch nicht falsch sein? (Sagt sie. Also wird es stimmen.)

Ach,  jetzt fällt eine Sternschnuppe ... "