Sonntag, 7. Juli 2013

Wislawa Szymborska


Normalerweise lese ich keine Nobelpreisträger. Ich will Entdeckungen machen, am liebsten Autoren, die kaum jemand kennt. Außerdem mag ich keine dicken Romane. Ich mag das Sparsame, genau Gebaute. Sprache, die Luft und Weite atmet. Und dann las ich in einer Zeitschrift ein Gedicht, das begann mit den Worten "Ein Alltagswunder: / daß es so viele Alltagswunder gibt". Es wurden Wunder aufgeführt wie Wolke und Erle, und dann kam: "Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. / Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern." Ich dachte: Ooooh! Wer hat das denn geschrieben?

Wislawa Szymborska, geboren 1923 in Polen, gestorben 2012. Literaturnobelpreisträgerin.

Ich darf aus rechtlichen Gründen hier kein ganzes Gedicht abdrucken (und finde das als Autorin auch ganz richtig so), aber ich darf sagen, dass dies eine große und wundersame Dichterin ist. Ihre Bilder sind ganz und gar aus dem Alltag genommen, ihre Sprache ist ganz und gar Alltagssprache - aber jedes Gedicht entführt uns in einen geistigen Raum, der jenseits der Alltagswelt ist. Diese Gedichte sprechen durchaus von ernsten Dingen, von Terror, Mord und Vergänglichkeit, aber sie tun dies federleicht und wie nebenbei. Und so zeigt uns Wislawa Szymborska, dass die Schönheit der Sprache nachhaltiger wirkt als jede laute Schlagzeile. Die Übersetzung von Karl Dedecius, dem Vermittler polnischer Literatur in Deutschland, erscheint mir wunderbar gelungen.

Mein Lieblingsgedicht von ihr hängt in meinem Arbeitszimmer. Es spricht von Feuer und Vernichtung, und doch endet es mit den Zeilen "Aber die Bücher wird es in den Regalen geben, die wohlgeborenen, / von Menschen, auch aus der Helle, von den Gipfeln." 

(Wie ich höre, ist das Gedicht "Aber die Bücher werden bleiben" von Czelaw Milosz. Da hat sich der Verband deutscher Schriftsteller wohl geirrt, der es als letzten Gruß zum Tod von Szymborska abgedruckt hat.)

1 Kommentar:

  1. Das Gedicht "Aber die Bücher" kommt nicht von Szymborska, sondern von einem anderen polnischen Literaturnobelpreisträger, nämlich von Czeslaw Milosz...

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